Schon viele Jahre gibt es immer wieder Streiks in Tee-Anbaugebieten. Das vielleicht schönste Schwarztee-Anbaugebiet der Welt, Darjeeling, ist davon besonders häufig betroffen. Meist leider auch mit gewalttätigen Auseinandersetzungen. Seit Juni diesen Jahres streiken nun wieder Teepflücker in Darjeeling aus dem Volk der Gorkha, sie fordern einen eigenen Bundesstaat in Indien. Viele Teepflanzen sind erheblich in Gefahr.

Ob und wann frühere Ernteerträge wieder erreicht werden können, ist ungewiss.

Zum politischen Hintergrund des Streiks in Darjeeling

Schon vor etwa 200 Jahren begann Großbritannien aus ihrem Protektorat Nepal Saisonarbeiter in das naheliegende Nord-Indien zu locken. Gesucht wurden willige Arbeitskräfte die sich nicht scheuten, unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten und auch im Hochland zu leben. Angesiedelt wurden die nepalesischen Arbeiter in der Region Darjeeling im heutigen Bundesstaat West-Bengalen. Schnell entwickelten sich diese Arbeitskräfte als unverzichtbar und sie blieben, wie Gastarbeiter das oft tun, in ihrer neuen Heimat Indien. Diese sahen Indien tatsächlich schnell als ihre Heimat an und identifizierten sich mit ihr. Sich selbst nennen diese ehemaligen Bewohner Nepals Gorkhas (nicht zu verwechseln mit einem Regiment der britischen und indischen Armee, den Gurkhas, die sich aber ausschließlich aus den in Indien lebenden Gorkhas rekrutieren).

Da die Lebens- und Arbeitsbedingungen aber nicht mit dem Standard des restlichen Indiens voranschritten, schwelte schon lange ein Streit über den Status der Gorkhas. Immer wieder kam es zu wilden Streiks auf einzelnen Plantagen, mal tageweise, mal für ein paar Wochen. Dies passierte immer nur sehr lokal und war schnell wieder vorbei, wenn die Plantagenbesitzer den Streikenden kleine Zugeständnisse machten.

Die Gorkhas selbst sehen sich heutzutage als Inder (auch wenn sie nach der zentralnepalesischen Region Gorkha benannt sind). Die Häuser auf den Teeplantagen und auch alles andere gehören den Plantagenbesitzern. Es ist also verständlich, dass sich die Gorkhas für moderne Leibeigene halten und sich nichts mehr wünschen als Aufstiegsmöglichkeiten. Diese gibt es allerdings nicht und dieses Jahr sollte auch noch das Unterrichtsfach Gorkha-Sprache abgeschafft werden. Die Schüler sollten fortan nur noch in bengalischer Sprache unterrichtet werden.

Dies war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das erste Mal wurde nicht nur wild gestreikt, sondern der Streik hatte eine politische Dimension erreicht, die alle Gorkhas vereinigte. Ihr Ziel: ein eigener indischer Bundesstaat namens Gorkhaland. Nun war ein Generalstreik ausgebrochen und niemand kommt nach Darjeeling rein oder raus aus den Tee-Plantagen. Seit nunmehr 90 Tagen (Stand 10.9. 2017) hat niemand eine der zarten Tee-Pflanzen angefasst. Hier ein Beitrag des Weltspiegels in der ARD vom 10.9.2017:

„Momentan sollte in Darjeeling eigentlich die Sommerernte eingebracht werden, genannt „Summer flush“, auch „Second flush“. Die umsatzstärkste Teesorte der Region Doch stattdessen wuchert neben den Teeblättern zurzeit das Unkraut auf den Plantagen. Einige der Büsche sind zudem bereits abgestorben. Heftige Monsunregen haben zuvor die Tee-Ernte beeinträchtigt. Aufgrund der Verwilderung der Teegärten und dem Verlust an Teesträuchern schätzen Plantagenbesitzer, dass es Jahre dauern könnte, bis frühere Erträge wieder erreicht werden können. Die Ernteausfälle werden schon jetzt in die Millionen-Beträge beziffert.“ [1]

Ein weiterer Großhändler [2] teilte uns mit, dass die Bestände wohl noch bis ins neue Jahr reichen werden. Danach aber werden noch einige Monate ohne unseren geliebten Darjeeling second flush vergehen und wir werden wohl auf andere Anbaugebiete ausweichen müssen. Ironischerweise profitiert von dem Mangel an Sommertees vornehmlich Nepal, aus dem die streikenden Gorkhas ursprünglich stammen. Die Preise für Darjeeling-Tee gehen im Einkauf gerade stark nach oben. Sollten sowohl Händler als auch Kunden nicht überreagieren und Hamsterkäufe einsetzen, dann bleibt noch einige Zeit alles beim Alten. Passiert allerdings dasselbe wie nach der Atomkatastrophe in Fukushima, dann ist der Markt schnell leergefegt.

Noch eine private Bemerkung unsererseits: Seit vielen Jahren prangern wir es an, dass einige große Firmen 1 Kilo-Packungen Darjeeling-Tee für Preise um die 25-28€ verkaufen. Dies mag für den Kunden preislich interessant sein, aber die Streikenden in Darjeeling sind eben diejenigen, die unter solchen Raubrittermethoden leiden müssen. Ihre Bezahlung ist so schlecht, dass ein menschenwürdiges (Über-) Leben nicht gewährleistet ist. Genau dieser Frust, über Jahrzehnte aufgebaut, hat die Gemengelage so verschärft. Die Verantwortung jedes einzelnen Teetrinkers für die Arbeitsbedingungen der Teepflücker ist nicht zu unterschätzen.

Zwar sitzen die beteiligten Parteien miteinander am Tisch, aber selbst bei einer schnellen Einigung ist die diesjährige Ernte verloren und auch die Pflanzen nehmen erheblichen Schaden, wenn sie nicht wenigstens winterfest gemacht werden. Dies muss noch vor Ende Oktober passieren, sonst werden auch die nächsten Jahre sehr mau aussehen für Darjeeling-Liebhaber.

Es bleibt also nicht viel Zeit, um Mindeststandards der Menschenrechte, bessere Bezahlung und eine Anerkennung der Gorkhas zu verhandeln. Sollte dies gelingen, zahlen wir gerne im Einkauf ein paar Euro mehr. Denn hier geht es auch für den Kunden wohl nur um 20 bis 50 Eurocent pro 100 Gramm. Das sollte es uns Wert sein, um eine Tasse Tee ohne Reue genießen zu können!

Was denken Sie über den Streik der Teepflücker in Darjeeling? Wären Sie bereit, für bessere Arbeitsbedingungen auch mehr Geld beim Kauf von Tee auszugeben?

 

 

Weiter lesen

Beitrag zum Streik in der ARD Mediathek: Link
Podcast der Bayern 2 Radiowelt: Link
https://de.wikipedia.org/wiki/Gorkha
https://de.wikipedia.org/wiki/Gorkhaland
https://de.wikipedia.org/wiki/Gurkha

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Streik der Teepflücker in Darjeeling, Gorkhas 2017

 


Quellen

Quelle 1: Schreiben der Firma Intertee vom 14.9.2017
Quelle 2: Gespräche mit dem Teataster Stefan Gieschke von Mount Everest Tea Company vom 14.9.2017 und dem Besitzer der Firma Intertee Holger Sturm vom 13.9.2017

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